Ausschnitt aus der Rede von Herrn Dr. Liebel anlässlich der Ausstellungseröffnung auf der Giechburg am 2. August 2026
Einen teils phänomenologischen, vor allem aber experimentellen Ansatz vertritt demgegenüber Matthias Nürnberger mit seinen Arbeiten, die Sie im 3. Obergeschoss besichtigen können.
Nürnberger wurde 1962 in Arzberg im Fichtelgebirge geboren. Er studierte auf Lehramt, legte in den späten 1980er Jahren ein Kunstgeschichtsstudium nach und erhielt in der ersten Hälfte der 90er Jahre einen Lehrauftrag für Fotografie an der Universität in Bayreuth. Zuletzt war Nürnberger Rektor von zwei Grundschulen in der Stadt Selb und dessen Ortsteil Erkersreuth. Heute lebt und arbeitet er wieder in Arzberg und widmet sich dort ganz der Lichtbildkunst und der Musik.
Bereits seit seiner Studienzeit beschäftigt sich Matthias Nürnberger mit der Fotografie, insbesondere mit der Experimentalfotografie, der er, umgekehrt, eine hyperrealistische Wirklichkeitsfotografie gegenüberstellt. Der Hyperrealismus entsteht bei kleiner Blende, wie auf der Aufnahme einer Felsenerosion an der Küste der Normandie zu sehen, oder, frappierend, durch Langzeitbelichtungen, beispielsweise bei der Aufnahme eines Kanals von Venedig, auf der alles Statische eine enorme visuelle Präsenz erfährt, wohingegen alles Bewegliche (Passanten beispielsweise) beinahe vollständig verschwindet.
Unter dem Titel „Symbiosis“ schuf Nürnberger einige Doppelbelichtungen, bei denen der Rollfilm, nachdem er mit einem Motiv belichtet wurde, nicht zu nächsten Aufnahme weitergespult, sondern ein zweites Mal mit einem anderen Motiv belichtet wird, so dass es am Ende zu einer motivischen Überlappung der beiden Aufnahmen kommt: Einer wechselseitigen szenischen Durchdringung, die ihrerseits die Ursprungsmotive, manchmal bis zu deren Unkenntlichkeit, verfremdet und zu einem neuen, beinahe abstrakt anmutenden bildlichen Ganzen verschwistert. Man könnte von der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ sprechen, von einer räumlichen Verdichtung zwar benachbart gelegener, letztlich aber doch unterschiedlicher Lokalitäten. Was dadurch entsteht, ist das neue visuelle Erleben einer räumlichen Umgebung mit mehreren szenischen Facetten – etwa eines Küstenstreifens und einer rostigen Eisentür an der italienischen Adria oder einer ebenen Baumlandschaft und einer verwitterten Ziegelsteinwand. Auch Trippel- oder Mehrfachbelichtungen sind rein theoretisch möglich, die am Ende völlig neue Bildwelten schaffen, bei denen nicht so sehr die einzelnen Motive und deren lokale Örtlichkeit interessieren, sondern das ikonographisch autonom gewordene Bild mit seinen inhärent-organischen, beinahe abstrakten Strukturen. Realweltliche Wirklichkeiten lassen neue, bis dahin ungeahnte visuelle Bildwirklichkeiten entstehen – das Ganze mit lichtechten Pigment-Tinten in einem ebenso hochauflösenden wie hochwertigen Reproduktionsverfahren auf speziellem Papier oder, einem Gemälde gleich, auf Leinwand gedruckt.
Dank an Dr. Liebel