Rede zur Vernissage in Röslau in Etage 4, März 2026
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,
wenn wir an Venedig denken, haben wir wahrscheinlich oft Begriffe und Vorstellungen wie Canal Grande, Pracht, Paläste, Masken, Wasserstraßen, Gondeln oder enge romantische Gassen im Kopf.
Lassen wir diese
romantisierenden Bilder einmal weg, was bleibt? Unter anderem die Peripherie – im Besonderen die Toteninsel San Michele.
Dort, auf den Grabmälern von San Michele, fand ich den Ursprung dieser Serie: Kleine Farbporträts der Verstorbenen in Porzellanmedaillons.
Sie wurden geschaffen, um dem Vergessen – also dem Vergessen des dort begrabenen Menschen - ein ‚Halt!‘ entgegenzusetzen.
Die Serie, die Sie hier sehen, trägt den Titel ‚Das zweite Schwinden‘. In der Fotografie sprechen wir oft – nach Roland Barthes, einem Fotografietheoretiker - vom ‚Da-gewesen-sein‘. Das Foto im Allgemeinen soll bezeugen, dass dieser Mensch existierte. Doch was Sie hier betrachten können, ist genau das Gegenteil dessen: Es ist das Scheitern dieses Zeugnisses.
Roland Barthes beschreibt
den ‚doppelten Tod‘: Zuerst stirbt der Mensch aus Fleisch und Blut. Und nun, vor unseren Augen auf diesen Fine-Art-Prints, stirbt auch sein Abbild. Das Salz der Lagune, das Licht und die Zeit
zersetzen die chemische Fixierung. Das Gesicht, das uns einst anblickte, löst sich auf. Das Punctum – dieser kleine Stich, den ein Foto in uns auslösen kann – liegt hier nicht mehr
im Wiedererkennen eines Gesichts, sondern im Schmerz über dessen Verlust.
Ähnliche Gedanken wie Barthes formulierte auch Martin Heidegger. Er spricht vom ‚Streit zwischen Welt und Erde‘:
Die Welt ist dabei unser Versuch, Namen, Biografien, Fotos und Bedeutungen festzuhalten.
Doch die Erde– in Form
von Oxidation, Rissen oder Verwerfungen – fordert ihr Recht zurück.
In diesem Verfall offenbart sich eine radikale Wahrheit, der wir uns stellen müssen:
Unser ‚Sein-zum-Tode‘. Das Schwinden dieser Porträts ist kein bloßer Verlust; es ist das Memento Mori, das Sichtbarwerden unserer unaufhebbaren Endlichkeit.
Wenn Sie meine Fotoarbeiten betrachten, lade ich Sie ein, Distanz zu verlieren. In der starken Vergrößerung wird der Bezug zwischen Ihnen, dem Betrachter, und dem Objekt porös. Was bleibt also? Das Gesicht wird zur Landschaft, Pigmentflecken, Augen, Haare, Brillen oder Schmuck werden zu Strukturen, die an die Heideggersche Erde erinnern. Wir erkennen – wir müssen erkennen, dass wir aus demselben Stoff sind wie das, was hier vergeht.
Was bleibt also letztendlich? Genau diese Frage muss jeder von uns für sich selbst entscheiden.
Ich lade Sie ein, diesen Prozess des Entzugs nicht als Ende, sondern als eine besondere Form der Offenbarung zu betrachten.
Vielen Dank, dass Sie diesen Moment des Innehaltens mit mir teilen.
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