Matthias Nürnberger – Das zweite Schwinden

 

Willkommen in der Stille von San Michele. Inmitten der venezianischen Toteninsel begegnen wir auf den Grabmälern einer Form des Abschieds, die über das Biologische hinausgeht. Die hier präsentierten Fine-Art-Fotografien dokumentieren jene verwitterten Portraitfotos, die auf kleine Fotomedaillons gedruckt sind und einst als Bollwerk gegen das Vergessen gedacht waren. Die Serie „Das zweite Schwinden“ macht diesen Prozess der doppelten Vergänglichkeit sichtbar und verdeutlicht eine Phänomenologie des Entzugs.

In der Theorie der Fotografie von Roland Barthes gilt das Abbild als ein „bezeugtes Da-gewesen-sein“. Doch in den vorliegenden Arbeiten sehen wir das Scheitern solcher Zeugnisse. Wenn das chemisch fixierte Bild durch Salz, Licht und den Zahn der Zeit zerfällt, beobachten wir laut Barthes einen doppelten Tod: Zuerst stirbt der Mensch, nun stirbt sein Abbild. Das Punctum – jener Stich, den ein Foto im Betrachter auslöst – liegt hier nicht mehr in der Identifikation mit einem Gesicht, sondern im schmerzhaften Prozess seines Verlusts. Das Foto wird wieder zu reiner Materie.

Die Fotografien zeigen das Spannungsfeld, das der Philosoph Martin Heidegger als „Streit zwischen Welt und Erde“ beschrieb. Während die „Welt“ der Raum unserer Namen, Biografien und Bedeutungen ist, fordert die „Erde“ – in Form von Oxidation und Zerfall – ihr Recht zurück. In diesen Rissen offenbart sich eine radikale Wahrheit: Das „Sein-zum-Tode“ in seiner konsequentesten Form. Das Schwinden des Gesichts ist kein Verlust, sondern das Sichtbarwerden unserer unaufhebbaren Endlichkeit.

Nach Maurice Merleau-Ponty, dem Philosophen und Phänomenologen, sind wir selbst Teil des „Fleisches der Welt“. In der Vergrößerung wird die Membran zwischen Betrachter und Objekt porös. Wo das Gesicht zur Landschaft wird und Pigmentflecken den Wellen der Lagune gleichen, wird das Spezifische universell. Die Trennung zwischen Mensch und Materie löst sich auf; das Individuum kehrt zurück in das große, namenlose Ganze.

Zwei Konzepte der Zeitlichkeit kollidieren in diesen Arbeiten: Da ist zum einen Chronos, die unerbittliche, lineare Zeit, die durch Korrosion das Werk der Vernichtung vollzieht. Zum anderen Kairos, der entscheidende, günstige Augenblick. In diesen Fotografien ist der Kairos jener präzise Moment des „Noch-Nicht-Ganz-Verlorenseins“. Die Kamera fixiert den Umschlagpunkt, in dem sich die menschliche Identität ein letztes Mal gegen die Ewigkeit der Materie auflehnt.

Was bleibt also? Es bleibt nicht die statische Erinnerung, sondern die Wahrnehmung des Prozesses selbst. In der Tradition von Barthes, Heidegger und Merleau-Ponty lehren uns diese Fotografien, das Verschwinden nicht als Leere, sondern als eine neue Form der Anwesenheit zu begreifen.

Das zweite Schwinden ist keine Tragödie, sondern die Vollendung einer Existenz, die ihre Form zurückgibt. 
Dauer alleine haben das Licht auf den Scherben und die Erkenntnis, dass das Schwinden eine unausweichliche Geste des Lebens ist.